Muskelatrophie Typ Kennedy

 

Ursachen der SBMA

Bei einer Betrachtung des Kennedy-Syndroms oder SBMA darf natürlich die Frage nach der Ursache für diese Krankheit nicht fehlen. Es handelt sich bei diesem Leiden um eine Erbkrankheit. Diese ist an das X-Chromosom gekoppelt und wird so an die nächste Generation weitergegeben. Hier tritt es allerdings, durch den rezessiven Merkmalscharakter, nur bei einem kleinen Teil der Nachkommen auch wirklich auf. Männer, die Symptome des Kennedy-Syndroms zeigen und noch zeugungsfähig sind, geben die Information über die Gene an ihre Töchter weiter, die hierdurch zum Überträger des Gendefektes werden. Somit verhält sich SBMA in der Verbreitung ähnlich der Bluter-Krankheit.

Die Ursache für das Kennedy-Syndrom auf molekularer Ebene ist eine Mutation des X-Chromosoms. Hierbei kommt es zur Wiederholung eines Basentripletts. Die Zahl kann verdoppelt oder verdreifacht werden. Der Begriff des Basentripletts beschreibt eine Verbindung von Molekülen, die am Aufbau der DNA des Menschen beteiligt sind. Der Genetik sind insgesamt vier Basen bekannt, nämlich Adenin (A), Guanin (G), Thymin (T) und Cytosin (C). Im Fall SBMA wird ein CAG-Triplett mehrfach auf dem X-Chromosom wiederholt. Diese Veränderung wirkt sich unter anderem auf den Hormonhaushalt der betroffenen Personen aus und hat gleichzeitig eine neurotoxische Komponente, es werden also die Nerven geschädigt. Die Auswirkungen beschränken sich allerdings auf das zweite Motoneuron. Die Wissenschaft spricht hier von einem Informationsgewinn der Mutation. Die Degeneration scheint aber erst durch eine weitere Spaltung des Genproduktes ausgelöst zu werden.   

Gendefekte – von Vielen unterschätzt

Den Einfluss des Erbgutes auf viele Krankheiten unterschätzen nicht nur weite Teile der Bevölkerung, sondern auch einige Mediziner. Dabei ist es seit Langem bekannt, dass sogenannte Gendefekte Ursache für zum Teil sehr schwere Erkrankungen sein können. Dass diese Leiden neu entstehen, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Schließlich gehen Erbkrankheiten unter anderem auf das Auftreten von Mutationen zurück. Und diese kleinen oder großen Fehler können beim Kopieren der Erbinformationen in unseren Genen problemlos auftreten und so an die nachfolgende Generation weitergegeben werden.

Diese Veränderungen betreffen die vier Basenpaare Adenin, Cytosin, Thymin und Guanin. Bei einer Mutation kann das Erbgut entweder durch eine Verringerung der Basen, einen Austausch zwischen ihnen oder eine Vervielfachung auftreten. Sobald das neue Gen sich auch auf die Keimzellen auswirkt, kann es weitervererbt werden. Bei einer somatischen Mutation bleiben die Auswirkungen auf den Organismus des Trägers beschränkt. Beim Kennedy-Syndrom handelt es sich um eine sogenannte Gain-of-Function Mutation. Das Gen erreicht einen Informationsgewinn. Folgerichtig handelt es sich beim Gegenstück um einen Informationsverlust (Loss-of-Function). Sobald eine Mutation nicht in Erscheinung tritt, wird sie zu einer stillen Mutation.

Erbkrankheiten begleiten die Menschheit bereits seit Langem und sind schon immer ein besonderes Forschungsgebiet der Biologie und Medizin gewesen. Einige Beispiele sind der Albinismus, die Rot-Grün-Blindheit oder der Veitstanz. Selbst vor den Herrscherhäusern Europas haben Gendefekte und deren Folgen nicht haltgemacht. Beispielsweise der Sohn des letzten russischen Zaren, Alexej, litt unter einer dieser Erbkrankheiten und bedurfte besonderer Aufmerksamkeit.
Sollte der Verdacht auf ein solches Leiden bestehen, helfen labortechnische Methoden und Nachforschungen in der Familiengeschichte weiter. Spielen bei einem Gendefekt die Geschlechtschromosomen keine Rolle, spricht die Wissenschaft von einer autosomalen Erbkrankheit. Im anderen Fall, bei der Bindung an das X- oder Y-Chromosom, ist die Rede vom gonosomalen Erbgang.  

Wie entwickelt sich das Kennedy-Syndrom?

Um die Entwicklung der spinobulbären Muskelatrophie im Inneren des menschlichen Körpers genauer zu verfolgen, muss der Betrachter die molekularen Zusammenhänge dieser Erbkrankheit kennen. Da es sich hierbei um ein rezessives Merkmal handelt, welches nur an das X-Chromosom gebunden ist, treten bei Frauen nur sehr selten Symptome auf, da sie in der Regel über ein Chromosom mit einem Merkmal verfügen, welches SBMA überdeckt. Zusätzlich beschränkt sich die Wirkung anscheinend auf den Androgenrezeptor. Durch den genetischen Defekt kommt es zu Veränderungen des Rezeptors, so dass dessen Funktion beeinträchtigt wird.

Diese Störung scheint, im Zusammenhang mit Enzymen, die zur Spaltung von Proteinen dienen, für den Zelltod verantwortlich zu sein. Sobald die Nervenzellen des zweiten Motoneurons geschädigt werden, kann das, was sich bisher nur im Nanometer-Bereich abgespielt hat, auch mit bloßem Auge beobachtet werden. Die Muskelzellen beginnen langsam abzusterben, da die motorischen Nerven ihren Dienst einstellen. Dieser Vorgang führt zu einem immer weiter voranschreitenden Muskelschwund. Die Gliedmaßen der Patienten werden kontinuierlich schwächer und es erfolgt keine Regeneration des toten Gewebes mehr.

Parallel dazu entwickeln sich beim Mann Krankheitsmerkmale, die auf eine Störung des Hormonhaushaltes hindeuten. Hierzu zählen das Wachsen von Brüsten und Unfruchtbarkeit. Betrachtet man die Bedeutung des Androgenrezeptors für die Funktion und Wirksamkeit verschiedener Hormone, etwa dem Testosteron, wird die Ursache der körperlichen Veränderungen durch SBMA klar. Ohne eine Behandlung durch die Medizin kann es soweit kommen, dass der Verlust der Gehfähigkeit droht.

 

 

 

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